Fluchttrauma – wenn das Erlebte plötzlich wieder da ist

  • Hände pressen sich wie ein Schattenriss an ein gespanntes Tuch

Damit hatte in der Flüchtlingshilfe eigentlich niemand mehr gerechnet: Trauer und Wut, Depression und Rückzug – Geflüchtete, die schon lange hier sind, erinnern sich als wenn es gestern wäre, an ihre Flucht und an schlimme Erlebnisse, die sie durchgemacht haben.

Mit Tanzen entspannen

Corinna Waffender, Trainerin für interkulturelle Kompetenz, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Trauma-Expertin bietet im Interkulturellen Ehrenamtsbüro regelmäßig Workshops zu Traumafolgen an. Auch beim ersten interkulturellen Fachtag im September in Ravensburg ging es um Trauma – bei einem erstaunlich bewegten Workshop.

Woher kommen diese negativen Gefühle? Jetzt, wo viele Geflüchtete wieder ein geregeltes Leben haben, Arbeit, Wohnung und Familie.

Gerade jetzt, das ist ganz typisch. Bei vielen kommt das Erlebte erst dann hoch, wenn sie sich nicht mehr mit ihren existenziellen Grundbedürfnissen beschäftigen müssen. Dann wenn sie denken, jetzt fängt die gute Zeit an. Wenn sie innerlich zur Ruhe kommen, sind da plötzlich diese schlimmen Erinnerungen, die so unendlich traurig machen können. Die Menschen schlafen schlecht, haben Alpträume, es kommt zu Flashbacks.

Im Krieg und auf der Flucht haben viele Gewalt erlebt, wurden verletzt oder haben Entsetzliches mitansehen müssen. Mit der Entspannung hat der Körper Raum und die Seele Kraft, Erlebnisse und Gefühle aus der Verdrängung zu holen. Wir als Expertinnen nennen das „posttraumatische Belastungsstörung“: Der Stress der Traumafolgen kommt hoch.

Wieso kam das beim Fachtag zur Sprache?

Unser Motto war „Wege mit Geflüchteten aus Stress und Frust“: Angestachelt von der Themensetzung hatten viele Teilnehmende das Bedürfnis, über ihre Beobachtungen zu sprechen. In den Sprachkursen, aber auch in der Kita, in der Schule oder am Ausbildungsplatz, alle merken, mit den Geflüchteten stimmt plötzlich etwas nicht, die sind traurig, ziehen sich zurück oder werden aggressiv. Warum hören junge Erwachsene von heute auf morgen mit der Lehrstelle auf? Es lässt die Helfenden ratlos. Wie darauf reagieren?

Die Helfenden sind auch gestresst?

Es gibt heute zwei Klassen von Geflüchteten: die, die länger bleiben können und die, die jeden Tag mit Abschiebung rechnen müssen. Dann sind diese Menschen von einem Moment auf den anderen weg. Manchmal ist der Zeitraum bis zur Abschiebung sehr lang, trotzdem gibt es für diejenigen ohne Bleiberecht viel weniger Hilfsangebote, wenige bis keine Deutschkurse, keine Perspektive. Das ist für alle sehr frustrierend. Da ist so viel Unsicherheit und Angst, das ist anstrengend und wird als Überforderung empfunden, von Geflüchteten und auch von denen, die sie betreuen.

Tanzen hilft gegen Stress und Frust?

Wir haben beim Fachtag einen Weg vorgestellt, der in der modernen Psychotherapie bereits anerkannt ist: Tanzen und Bewegung. Wer mit Trauma in Berührung kommt, ist automatisch selbst gestresst. Und braucht Entspannung. Im Tanz können wir uns begegnen, ohne Worte. Und wir können ein Miteinander erleben. Dafür müssen wir uns nicht einmal berühren.

Wir haben das im Workshop zusammen ausprobiert. Wir hatten da ja eine sehr stressige Situation durch das Setting, das ich bei meinem Interview zum Fachtag vorgestellt habe. Teilnehmende, die schließlich bei Wiebke Thiele, der Körpertherapeutin, ankamen, haben gesagt: Ah, hier wird nicht gelabert, hier wird nur bewegt. Das war viel Körperarbeit, zwar ohne Musik, aber ein Erlebnis von Nähe und Distanz – wieviel Abstand müssen wir halten, wo sind unsere eigenen Grenzen? Und wie ist das im interkulturellen Kontext? Menschen aus unterschiedlichen Kulturen haben unterschiedliche Arten sich mit Musik und Tanz zu begegnen. Nur eines ist gleich: Tanzen entspannt und macht in aller Regel happy.

Gibt es entsprechende Angebote im Interkulturellen Ehrenamtsbüro?

Nicht zuletzt durch den Fachtag wissen wir, die Frage „Wie gehen wir mit Trauma um?“ beschäftigt viele. Im kommenden Jahr werden wir verstärkt Workshops zu Traumafolgen und Stressabbau anbieten. Und wir werden Workshops mit Tanztherapeutinnen machen. Wir wollen miteinander tanzen.

Nächster Workshop mit Corinna Waffender:
„Geflüchtete und der Familiennachzug“
Dienstag, 4. Dezember, 17:00 -19:00, Steinstraße 15, Bad Waldsee

Bitte melden Sie sich an:
a.moussa@bad-waldsee.de
beratung@interkulturelles-ehrenamtsbuero.de

Mehr Workshops mit Corinna Waffender finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.