Feststecken war gestern – wir bewegen weiter!

  • Mann steht auf einem vertrockneten Feld, Papiere fliegen um ihn herum

„Konstruktiv umgehen mit Frust und Stress“ – unter diesem Motto gab es in Ravensburg am 21. September 2018  ein Workshop-Angebot für alle, die ehrenamtlich oder hauptamtlich mit der Hilfe für Geflüchtete zu tun haben.

So war der erste Interkulturelle Fachtag

Interview mit Corinna Waffender, Trainerin für interkulturelle Kompetenz, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Trauma-Expertin. Sie hat für das Interkulturelle Ehrenamtsbüro den Fachtag organisiert.

Wie stressig ist das Helfen heute, drei, vier Jahre nachdem die ersten Geflüchteten hier ankamen?

Das erste Willkommen, die Zeit der Anfangseuphorie sind vorbei und die schnellen Erfolge auch. Die Lebenssituation vieler Geflüchteter hat sich geändert, oft zum Positiven, aber es stellt Helfende vor neue Herausforderungen. Oft sind sie selbst überrascht über ihr Gefühl von Frust und Stress.

Woher kommen die negativen Gefühle?

Bei vielen Geflüchteten geht es inzwischen mehr um die Suche nach Arbeit als ums Deutschlernen, was schwieriger ist als die Sprachvermittlung. Viele Geflüchtete leben in eigenen Wohnungen und nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften. Damit sind sie aber auch nicht mehr so gut und zentral an einem Ort anzutreffen, um ihnen Hilfsangebote zu machen. Und dann ist da der Familiennachzug. Wer zunächst alleine hierher kam und nun glücklicherweise die Familie um sich hat, hat weniger Zeit und ist mehr mit seinen Angehörigen beschäftigt und dann oft mit neuen Problemen konfrontiert. Die Dinge gehen heute nicht mehr so einfach und schnell. Es ist komplizierter geworden und manchmal läuft es einfach nicht rund.

Da ist sicher auch Erschöpfung dabei?

Viele unserer Ehrenamtlichen machen das nun schon seit drei Jahren. Bei allem Spaß und aller Freude, die das Helfen bringt, ist die Betreuung von Geflüchteten auch eine Belastung. Es ist eine zusätzliche, sehr intensive Arbeit. Wer das in seiner Freizeit macht, verzichtet oft auf Hobbys, weil dafür keine Zeit bleibt.

Drei sehr unterschiedliche Projekte wurden beim Fachtag vorgestellt. Sollten sie neue Impulse geben?

Es ging mehr darum, Strategien für die neuen Herausforderungen zu entwickeln. Bei der Vorstellung des Projekts Edusation aus Berlin haben wir darüber gesprochen, dass durch den Familiennachzug jetzt viel mehr kleine Kinder kommen, die Kitas müssen sich darauf einstellen. Zum Glück lernen Kinder eine fremde Sprache schnell, schneller als die Erwachsenen, aber die Verständigung mit den Eltern kann problematisch sein.

Dann haben wir Fitgroup vorgestellt, ein von Ehrenamtlichen mit Unterstützung des Interkulturellen Ehrenamtsbüros entwickeltes Projekt in Ravensburg. Hier geht es um die Integration durch Sport, nachhaltig und langfristig. Menschen ohne Bleibeperspektive und ohne Asyl werden aber oft nicht von Sportstudios aufgenommen. Wer von Abschiebung bedroht ist, kann keinen Vertrag mit langer Laufzeit abschließen. Das ist für viele sehr frustrierend. (Nachtrag – Das Projekt Fitgroup ist zum November 2018 eingestellt.)

Beim dritten Projekt Existanz ging es um Bewegung. Tanzen ist eine sehr gute Möglichkeit, mit dem Druck umzugehen, der auf den Helfenden lastet, aber auch um Traumafolgen und Angst zu bewältigen. Gerade dann, wenn die Sprache fehlt. Die Idee war: Wie können wir miteinander kommunizieren, Ehrenamtliche und Geflüchtete, ohne Denken, ohne Sprechen, und zusammen entspannen? Die Methode Existanz habe ich mit anderen Tanztherapeutinnen entwickelt. Bisher gibt es so etwas im Raum Ravensburg nicht, aber die Ehrenamtlichen waren sehr daran interessiert.

Wie war die Stimmung beim Fachtag?

Wir wollten die Ehrenamtlichen in die Situation bringen, selbst zu spüren, wie überfordert ist ein geflüchteter Mensch? Der muss gleichzeitig Deutsch lernen, sein Leben managen und dabei zur Ruhe kommen, damit er wieder leistungsfähig wird. Das ist Multitasking in einer Sprache, die man nicht so gut versteht. Deshalb haben wir alle drei Workshops zur gleichen Zeit, im gleichen Raum gemacht. Dabei war es laut, die Fenster standen offen und wir haben mit Absperrband den Raum in drei Felder eingeteilt, alle haben gleichzeitig geredet. Ein Setting, in dem es schwer war, sich zu konzentrieren.

Es war klar, du verpasst gerade etwas, weil du ja nicht an drei Orten gleichzeitig sein kannst. Auch das ist die Situation von Geflüchteten. Alle Teilnehmenden bekamen zur Aufgabe, nur solange bei einem Workshop-Teil zu bleiben, wie es sie interessiert. Denn auch das machen Geflüchtete ja und wir Helfenden verstehen immer nicht, warum manche nur kurz bleiben und dann woanders hingehen. Sie bleiben einfach nur solange, wie es sich für sie zu lohnen scheint.

Interessantes Konzept, klingt aber ziemlich stressig. War es das auch?

Wir hatten 38 Teilnehmende und ein positive Resonanz. Sie haben fast übereinstimmend gesagt, es war zwar anstrengend, aber sie haben etwas verstanden. Manche sind hin- und hergegangen und haben überall etwas mitgenommen. Andere sind bei einem Workshop geblieben und haben sich den Wechsel nicht zugemutet. Alle haben die Erfahrung gemacht, wie es ist, sich entscheiden zu müssen, überfordert zu sein und zugleich den Stress zu haben: Wie kann ich das Meiste für mich herausholen?

Innerhalb der Workshops sind wir sehr intensiv miteinander in Kontakt gegangen, haben über laufende Projekte gesprochen und ihre Ausgestaltung. Das war mein Part. Christine Kauth von Edusation hat gezeigt, wie eine interkulturelle Kita funktioniert und Wiebke Thiele, Körpertherapeutin und 5Rhythmen-Lehrerin aus Berlin, hat Körperarbeit gemacht – entspannt mit Tanzen. Dabei sind wir auch auf die interkulturelle Begegnung gekommen. Was bedeutet Musik und Bewegung in anderen Kulturen? Wie leiten wir solche Kurse an, wie bewegen wir uns, ohne einander anfassen zu müssen? Wir hatten eine Menge Spaß dabei!

Wird das Interkulturelle Ehrenamtsbüro seine Angebote darauf abstimmen?

Wir haben festgestellt, Ehrenamtliche wünschen sich mehr Austausch untereinander. Sie wollen ihre Erfahrungen miteinander teilen und brauchen Unterstützung. Auch das Thema Trauma wird immer wichtiger. Deshalb werden wir 2019 verstärkt Workshops zum Umgang mit Traumafolgen und Stressabbau anbieten. Und wir werden Tanzworkshops machen, Tanztherapeutinnen nach Ravensburg einladen.

Ja, wir wollen miteinander tanzen.